Die Tücke der Erwartung

Im Kino, Leinwand vorn, Sitzreihen gegenüber, den Trailer des Films schon gesehen – man weiß ungefähr, was einen erwartet. Das Konzept Kino ist bekannt, man hat Erfahrung damit. Ebenso mit Restaurants, Waldspaziergang, Volkshochschulkurs oder Museum. Wobei das Jüdische Museum Berlin anfangs eine Infokampagne hatte mit „Nicht, was Sie erwarten“ dazu Bilder von einer Raupe, die aus einer Zahnpastatube kommt oder die durchgeschnittene Orange, deren Schnittflächen wie Wurst aussehen. „Nicht was Sie erwarten“ sollte neugierig machen und Lust auf neue Erfahrungen wecken. Je mehr Lebenserfahrung man hat, umso klarer sind die Erwartungen. Die Medien ermöglichen es, sich durch Filme und Bilder zu informieren, wie es am Urlaubsort aussieht und was einen im Hotel erwartet – samt zahlreicher Bewertungen.

Abenteuer und Überraschungen werden unter solchen Rahmenbedingungen fast unmöglich – und erwischen einen dann umso härter. „Das stand aber nicht im Prospekt“.

Ich möchte von einer Erfahrung erzählen, die den Anstoß zu diesem Blogbeitrag gab. In der Remida – das kreative Recycling Centro hatte eine Gruppe aus Kitaleitungen samt Fachberaterin einen Teamtag gebucht. Die Idee der Remida ist es, sich von den Materialien überraschen, von Installationen inspirieren zu lassen. Den Horizont des „Kenne- ich, Weiß-ich“ zu verlassen bzw. zu erweitern. Der Gegenpol zur Erwartung ist das Sich-Einlassen. Da hat man ein Material in der Hand mit völlig neuen Eigenschaften, macht neue Erfahrungen, das Hirn rattert auf der Suche nach Referenzen und findet keine. Gefühle von Neugier machen sich breit, vielleicht auch Angst. Gerade bei Erwachsenen, die ja gewohnt sind über einen riesigen Erfahrungs- und Wissensschatz zu verfügen. Zwar hört das Lernen nie auf, aber auch das muss man anerkennen bzw. sich eingestehen – über die Worthülse hinaus. Für praktische Übungen in Kleingruppen gebe ich immer eine Stunde Zeit. Das ist viel. Und Absicht. Für manche beängstigend viel. Das geht doch schneller, es geht doch um eine exemplarische Erfahrung. Nein, mir geht es um die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Material, in dieser Kleingruppe, an diesem Ort, in dieser Umgebung, unter diesen Rahmenbedingungen. Ich möchte Menschen an den Punkt bringen, wo sie glauben jetzt doch genug gemacht zu haben. Was passiert dann? Kommt Langeweile auf? Sucht man Ersatzbefriedigung im Ablenken und Klönen – wobei Austausch durchaus willkommen ist. Entsteht ein Flow im sich einlassen, also ein Zustand, wo man Raum und Zeit vergisst. Wie nimmt man das wahr?

Nun ja, diese Gruppe blockierte sich. Wir verhakten uns in unseren Zielsetzungen und Intentionen. Für mich als Fortbildnerin immer auch eine Lernsituation für mich selbst. Ich war verunsichert.

Zum Glück gab es zeitnah einen Open-Space-Abend. Eine von mir sehr geschätzte Veranstaltung mit überraschenden Teilnehmenden und Themen – und auch Erkenntnissen. Ich machte „Die Tücke der Erwartung“ zum Thema und so gab es eine fruchtbare Auseinandersetzung dazu. Wir hätten halt alle Erwartungen und es käme darauf an, ob man in der Lage sei, diese auch Beiseite-lassen zu können. So war ein Grundkonsens nach intensivem Austausch über Erfahrungen, Wissen...

Für die Auswertung von Fortbildungen ist eine häufige Schlüsselfrage „Hat der Kurs meine Erwartungen erfüllt?“ Da hebt man komplett auf Erwartungen von sehr unterschiedlichen Menschen ab. Ich mache jedoch eine Kursbeschreibung: Was ist das Thema? Was ist das Ziel? Was sind die Inhalte und Methoden. Und dann kommen natürlich die weichen Faktoren hinzu, wie die Möglichkeit zu fragen, auf Teilnehmende einzugehen, Abwechslung in den Methoden, Spannungsbogen etc. Ich bin jedoch nicht für die Erwartungen der Teilnehmenden verantwortlich bzw. für deren „Bedienung“. Das wäre mir zu wenig, nur Erwartungen zu erfüllen. Wenn das dabei ist, gut. Mir geht es um Aha-Erlebnisse – und die entstehen im Eindruck des Überraschenden. Die Teilnehmenden kommen mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und entsprechend auch Wissensständen und Erfahrungen – und jeder empfindet anders.

Ja, wir haben Erwartungen. Aber haben wir gleichermaßen auch die Bereitschaft und Fähigkeit, uns auf Überraschungen einzulassen? Neugierig zu schauen, wie etwas woanders funktioniert statt unzufrieden zu sein, weil es die eigene Erwartung nicht erfüllt? Etwas Fremdes zu probieren? Sich einlassen auf andere Rituale?

Beispiel Einkaufen: Mit Liste losgehen in die gewohnten Geschäfte und davon ausgehen, daß man alles bekommt. Oder auf dem Markt sich vom Angebot überraschen lassen – und dann den Speiseplan danach ausrichten. Habe ich den Blick verengt, auf das was ich suche oder maximal geweitet, damit ich viel entdecke? Picasso brachte es mit seiner Aussage „Ich suche nicht, ich finde“ auf den Punkt.

    Blog

  • Bildungswege kann man nicht abkürzen

    2019-02-25 10:24
    von Susanne Günsch

    Sie kennen das vermutlich: Gut gemeint und in bester Absicht möchten Sie den Kindern Erfahrungen, insbesondere unangenehme, ersparen und erläutern ihnen, warum es besser ist, z. B. nicht auf die Herdplatte zu fassen. Oder nicht in die Pfütze zu springen. Oder die Spinne nicht zu ärgern. Sie nehmen den Kindern jedoch die Gelegenheit weg, selbst ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Menschen bilden sich durch eigenes Tun und Denken selbst. Um es mit Hüther (Gerald, Hirnforscher) zu sagen: „Sie können den nicht bilden, hirntechnisch geht das gar nicht!“ Da hilft es nur, sich als Erwachsener die Zeit zu nehmen ....

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  • Kompetenzoutsourcing

    2018-05-10 12:27
    von Susanne Günsch

    Als ich neulich eine Suchanfrage bekam nach einer Umweltpädagogin, die Kinder in den nahen Park begleitet, dachte ich bei mir: Warum machen das nicht die ErzieherInnen?

    Es ist ja gegen Experten, die unterstützend dazu kommen, nichts einzuwenden. Aber meiner Ansicht nach sollte es elementares Know-how einer ErzieherIn sein, Kindern die Natur nahe zu bringen. Nun ist es sicherlich nicht die Leidenschaft jeder ErzieherIn. Gerade die Offene Arbeit geht ja davon aus, daß es Fachfrauen statt pädagogischer Zehnkämpfer gibt.

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  • Was mich inspiriert,

    2018-01-23 10:33
    von Susanne Günsch

    Am 7. Oktober 2017 fand ich im Gesellschaftsteil der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über Arno und André Stern zum Thema Freiheit in der Bildung und Erziehung. Beziehung statt Erziehung, so  begann darin ein Satz – und erinnerte mich an meine Diplomarbeit dazu als Grundlage für ein verändertes Konzept in der Kita. Das war 1995, also vor 22(!) Jahren.

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