Wie wollen wir daß unsere Kinder aufwachsen...

2017-02-16 08:05
von Susanne Günsch

wie Kinder Demokratie lernen

„Wie wollen wir, das unsere Kinder aufwachsen,
damit so etwas nie wieder geschieht?“ das war die Grundfrage der Mütter (ja, es waren damals die Mütter) in Villa Cella nahe Reggio Emilia, als sie nach dem 2. Weltkrieg über die Kinderbetreuung nachdachten. In der Emilia Romagna gibt es nach wie vor eine sozialistische antifaschistische Grundhaltung.
Insofern war der Ursprung der Reggiopädagogik eine Elterninitiative, auf die Loris Malaguzzi aufmerksam wurde – eindrücklich beschrieben im Film „Not just any place“. Und es ist der Ausdruck davon, daß eine Kita dort viel mehr ist als nur eine Bildungseinrichtung im Sinne von Vorbereitung auf die Schule.

Die Kita soll dort den Mangel an kulturellen Reizen ausgleichen und sie ist gleichermaßen die gesellschaftliche Wiege. Hier erleben Kinder als erstes Respekt, Toleranz, Selbstbewußtsein, sich ausdrücken können, selbst urteilen lernen usw.
Die aktuelle Situation in Europa und der Welt bringt mich auf die Anfänge der Reggiopädagogik zurück. In unserer Zeit, die aktuell bestimmt ist durch zunehmenden Fremdenhass, Populismus, Nationalismus in verschiedenen Ländern Europas, Bürgerkrieg in Syrien, Klimawandel und einen amerikanischen Präsidenten, der es mit Propaganda ins Weiße Haus geschafft hat. Europa ist ein Friedensprojekt, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis, ebenso wie der vorherige Präsident der USA Barack Obama. Davon ist derzeit wenig zu spüren.
Wir brauchen aber auch wieder ein Gefühl des Miteinanders, damit unsere Gesellschaft zusammensteht und Populismus und Ausgrenzung keine Chance haben. Das ist die wesentliche Voraussetzung für Frieden.
Bis heute sind u. a. Beziehung, Kommunikation, Freundschaftsbildung und Beteiligung handlungsleitende Grundprinzipien dieser Pädagogik. Ich denke, daß sie auch eine wichtige Basis für menschliches Miteinander sind, wenn es darum geht, dem zunehmenden Nationalismus in Europa und der Welt zu begegnen. Auch ErzieherInnen brauchen eine Position, ihre Arbeit in der frühkindlichen Bildung ist ja nicht unpolitisch. Was geben sie heute den Kindern an Grundwerten mit auf den Weg? Welche Orientierung finden sie im Kontext von Bildung, Qualität und bedarfsgerechten Angeboten? Wo gibt es möglicherweise einen Elternabend, der im Diskurs die Wechselwirkung von Kita und Gesellschaft thematisiert? Wohin führt eine zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger Entfremdung im Zeitalter der Digitalisierung?
Die Subjektorientierung, also der Grundsatz, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen sorgt für Zuhören, wahrhaftiges Interesse und Kommunikation. Diese Grundhaltung ist Basis von Projektarbeit im reggianischen Sinne. Ja, und mit „Zärtlichkeit“ gibt es eine wunderbare Dokumentation eines Projektes über die Freundschaft und Beziehung zwischen zwei Kindern. Vielleicht erscheint uns das im Zeitalter des „“Bildungswahnsinns“ (ja, ich nenne das so), wo Naturwissenschaften im Mittelpunkt zu stehen scheinen, nicht wichtig. Freundschaftsbildung geschieht durch ein miteinander etwas tun: so wie in Barenboims Orchester Israelis und Palästinenser zusammen musizieren – dann spielt Herkunft und Sprache keine Rolle mehr.
Kinder mit besonderem Förderbedarf heißen in Reggio Kinder mit besonderen Rechten. Inklusion ist dort bereits seit Jahren gelebtes Prinzip. Toleranz für und Respekt vor der Vielfalt und daß alle Menschen einzigartig und damit verschieden sind.
In der Konzeption sicherlich jeder Kita steht, daß das Kind im Mittelpunkt steht. Nur meistens ist es nicht wirklich der Fall. Da stehen die Räume, die ErzieherInnen, die Eltern, der Tagesablauf, schlimmstenfalls die Putzfrau im Mittelpunkt. Kinder rücken in den Mittelpunkt, wenn sie beteiligt werden, ihnen zugehört und mit ihnen gesprochen wird. Das gelingt nur in echten, authentischen Beziehungen, mit wahrhaftigem Interesse und Aufmerksamkeit – nicht in abgespulten Förderprogrammen. Wenn Kinder wirklich im Mittelpunkt stehen bedeutet das Vergnügen am Lernen für alle Beteiligten. Dann erleben sich alle als wirksam. Weil sie selbst denken, gemeinsam denken und weiter denken – statt „vorgekaute Bildung“sinhalte wieder zu geben. Selbst-denken ist eine wesentliche Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Die wiederum ist die Basis für ein friedliches Miteinander. Ein Miteinander gelingt durch Kooperation – die Vorstellung der Ko-Konstruktion ist auch eine aus Reggio Emilia. Zusammen etwas schaffen, zu dem jeder etwas beiträgt und bei dem jeder etwas dazulernen kann. Sowohl faktisch als auch persönlich. Lernen ist ein sozialer Prozess, gelingt nur mit anderen zusammen.
Ich bin der Überzeugung, daß diese handlungsleitenden Grundprinzipien heute genauso aktuell sind wie damals. Wenn Menschen selbst denken, sind sie nicht so anfällig für populistische Parolen – egal ob live oder in Internetforen. Argumentieren lernt man nur im Miteinander, und auch, daß es nicht immer das Ziel ist Recht zu haben, sondern auch sagen zu können: „Ich verstehe deinen Standpunkt, aber ich bin nicht deiner Meinung“.
„Kinder mit erhobenem Kopf“ heißt das Buch von Brigitte Sommer über die Bildungsphilosophie in Reggio Emilia. Menschen mit erhobenem Kopf kommunizieren offen und respektvoll von Angesicht zu Angesicht. Sie versuchen, sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen und finden eigene Standpunkte. Sie schätzen und verteidigen die gesellschaftlichen Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.
Eine lebendige Gesellschaft braucht kritische Geister mit Mut zum Zweifeln und Hinterfragen. Menschen, die Rückgrat zeigen, wenn die Menschenrechte verletzt und Minderheiten ausgegrenzt werden. Menschen, die sich einmischen, sich beteiligen und konstruktiv streiten aber auch Kompromisse aushandeln. Dazu sollten ErzieherInnen sich positionieren, im Team und mit Eltern diskutieren, damit sie den Kindern ein taugliches Vorbild sein können. Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen, ist die Botschaft von Gandhi.
Das einzig Stetige wird der Wandel sein im Leben. Immer wenn Gewissheiten sich auflösen, neue Technologien unser Leben beeinflussen, politische Kräfte sich ändern und Krisen bewältigt werden müssen. Dann wird es spannend, dann muß neu gedacht und gehandelt werden. Hierfür braucht es Phantasie, Vorstellungsvermögen, Eigeninitiative und Kreativität – die sogenannten Softskills, die jedoch Schlüsselqualifikationen für persönliche und somit gesellschaftliche Weiterentwicklung sind.
So stellen uns die aktuellen Prozesse in Europa und der Welt wieder vor die Frage, wie wollen wir, daß unsere Kinder aufwachsen, damit auch sie Verantwortung für die Zukunft übernehmen können. Wie gestalten sie in Zukunft Demokratie? Wie gehen sie mit den Ressourcen der Welt um, damit das Leben lebenswert bleibt? Was braucht es, damit alle Menschen friedlich miteinander leben können? Welchen Beitrag können die PädagogInnen in den Kitas dazu leisten? Was tun sie, damit Partizipation und Demokratiefähigkeit gelingen? Ist Kita-Arbeit politisch – ich denke ja!

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