Wann stirbt endlich die Schablonenarbeit aus?

2017-11-15 11:35
von Susanne Günsch

Kinder können mehr als Malen nach Zahlen

Immer wieder gab es in unserem kleinen Team dazu hitzige Diskussionen. Ich erinnere mich noch gut an unseren Geburtstagskalender nach dem „Hühnerhof“ von Helme Heine. Wir setzten uns gemeinsam mit den Kindern mit Hühnern, Hähnen, Stall und Misthaufen auseinander, bis alle ihre Vorstellungen davon zu Papier bringen konnten. Es entstanden Hennen und Hähne, jedes auf seine Weise einmalig. Mit Tusche auf Tapetenpapier malten die Kinder ihre Hühner ggf. in den schillerndsten Farben und in unterschiedlichen Größen. Anschließend wurden sie ausgeschnitten, jedes Kind schaffte es nach Kräften sein Huhn in der eigens gemalten Form zu halten. Wir Erwachsenen tuschten natürlich auch ein Huhn und einige Kinder übernahmen gemeinsam den Misthaufen und so entstand eine Gemeinschaftsarbeit aus sehr individuellen Einzelleistungen. Sicher hätten viele ErzieherInnen die zur Verfügung stehenden Farben eingeengt, weil Hühner nun mal nicht lila sind. Dabei haben wir gar keinen Biologieunterricht. Nahezu alle ErzieherInnen sind ja auch der Auffassung, Frösche seien grün – da staunen sie aber im Regenwald in Costa Rica was für farbige Frösche gibt.

In meiner Zeit dort als Erzieherin nahm ich auch an einer Fortbildung zu Kreativitätsentwicklung teil. Wir bekamen als erstes vorgefertigte Bauteile um daraus einen Marienkäfer zu basteln. Viele Teilnehmende waren wie ich irritiert. Was soll das? Das macht doch gar keinen Spaß? Wo kann ich denn hierbei etwas individuell gestalten? So erlebten wir hautnah wie es Kindern ergehen mag, wenn wir sie mit Schablonenarbeit konfrontieren. Da ich vermute, daß es unter den LeserInnen nun Aussagen gibt wie „Mir macht das total Spaß“ und „Ich finde das schön so“ möchte ich dazu anmerken, daß die Kita keinen Deko-Auftrag sondern einen Erziehungs-, Bildungsauftrag hat.

Schablonenarbeit ist mechanisches, stupides Basteln nach der „Ästhetik“ der Erwachsenen. Wobei hier Ästhetik den eigenen Schönheitsbegriff meint und ein Bild vom Kind einschließt, sie mögen es bunt und naiv. So entstehen dann die immer gleichen seelenlosen Ausschneidegebilde, die man ohne Namen auch nicht auseinanderhalten kann. Bei unseren Hühnern kamen zwar auch die Namen und das Geburtsdatum drauf – es war ja schließlich der Geburtstagskalender und am Geburtstag bekam jedes Kind sein Huhn mit - aber jedes Kind erkannte sein Huhn. Jedes Kind hatte sein Huhn individuell gestaltet.

Worum geht es eigentlich beim Basteln? Meiner Ansicht nach ist es kein Selbstzweck sondern Ausdruck einer sinnlichen Auseinandersetzung. In unserem Fall mit Hühnern: Sie lernen kennen und beobachten, sie nehmen wahr – wie sehen sie aus? Was ist allen gemeinsam? Worin unterscheiden sie sich? Was ist bei jedem Huhn besonders? Und in Beziehung gehen: Mag ich sie oder sind sie mir unheimlich? Worüber amüsiere ich mich? Wovor habe ich Angst? Was weiß ich über Hühner? Was entdecke ich neu? So entstehen die Details, die Kinder bei den Hühnern malen. Das können auch Erwachsene üben. Aus der Identifikation mit dem Objekt entsteht der individuelle Ausdruck. Das ist die Auseinandersetzung mit der Welt, der Auftrag der Kita. Vielfach wird jedoch gebastelt, um den Eltern zu zeigen was „man“ gemacht hat – wobei „man“ oft die ErzieherIn ist.

Was ist das Ziel beim Basteln nach Schablonen? Es ist oftmals schlicht(e) Beschäftigung – dann sitzen die Kinder am Tisch und machen was - spielen oder toben nicht nur herum. Das ist auch häufig das Bild, das die Erwachsenen vom Lernen haben: Sitzend am Tisch am besten mit Arbeitsbogen respektive Bastelvorlage und Erwachsenen, der sagt, was zu tun ist. Und was richtig und falsch ist. Dabei ist die Strategie „Du tust, was ich dir sage“ nicht zukunftsfähig – sie reicht für Fließbandarbeit.  Sie ist Ausdruck des industriellen Zeitalters. Wir streben jedoch in eine Wissensgesellschaft. Hier ist selbst denken gefordert, Selbständigkeit und Eigenverantwortung.

Basteln findet wenn nicht im Gruppenraum im „Kreativraum“ statt. Aber was ist an Schablonenarbeit eigentlich kreativ? Ohnehin ist der Kreativraum für die Kreativität viel zu klein. Als Schlüsselqualifikation kommt die nämlich überall zum Ausdruck: beim Bauen, Musizieren, Bewegen, Gärtnern, Tanzen, Spielen usw. und wird dadurch weiter befeuert und gefördert. Also, was ist an vorgefertigten Basteleien kreativ? Geht es darum überhaupt? Kreativ war derjenige, der die Schablonen entworfen hat – alle anderen kopieren nur. So wie global die Chinesen vielfach deutsche Ingenieurskunst kopieren und mit den Plagiaten dann Geld machen. Dabei ist jedes Kind ein Original, ebenso seine Gedanken, Ideen, Entwürfe und Ausdrucksweisen.  Und darum geht es in der Wissensgesellschaft – selbst etwas gedanklich durchdringen, entwickeln, erfinden.

Häufigste Begründung für Schablonenbasteln ist, daß die Kinder Ausschneiden lernen sollen. Dabei können Kinder auch im freien Tun den Umgang mit der Schere lernen. Wenn Jungs sich mit Zeitmaschinen, Robotern und Raumschiffen beschäftigen, dann lernen sie beim Bauen eines Laserschwerts Ausschneiden und Falten – das entspricht jedoch selten der „Ästhetik“ der Erwachsenen, die Erzieherinnen finden das nicht „schön“. Außerdem findet das nicht als „Lernangebot“ sitzend am Tisch statt. „Man“ kann das nicht den Eltern zeigen, zumal „man“ ja gar nicht beteiligt war. Es sei denn man hat noch mal nachgeschnitten, damit es auch schön aussieht. So ist das mit fremdbestimmten Linien – bevorzugt eine gerade Linie, eine Zick-Zack und eine kurvige. Die Kinder sehen möglicherweise keinen Sinn darin, können sie also nicht nachvollziehen. Auch schnelle Erfolgserlebnisse werden der Schablonenarbeit zugeschrieben – wobei offen bleibt, was genau der Erfolg dabei ist. Ist Erfolg eine fremde Anweisung ausgeführt zu haben, wenn auch lustlos? Oder ist es, etwas angefertigt zu haben, was die ErzieherIn schön findet? Oder ist es mit etwas fertig zu werden, es zuende machen, wobei das Kind nicht selbst definiert hat, was fertig ist?

„Warum wissen die Erwachsenen immer schon, was mit den Materialien anzufangen ist?“ diese Frage des Monats in der Remida will die ErzieherInnen dazu ermutigen, Materialien auszusuchen zu denen sie selbst keine Idee der Verwendung haben. Den Kinder also Dinge zu freiem selbsttätigen Tun bereitzustellen und sich mit eigenen Ideen zurückzuhalten. Dann kommt man als Erwachsener oft aus dem Staunen nicht heraus, was Kinder dann so machen. Wenn Kinder dann auf die Idee kommen für sechs mal immer den gleichen Kreis auszuschneiden  sich einen Teller als Schablone zu holen, haben sie viel über die Natur und Vorteil einer Schablone entdeckt. Falls sie diese Idee nicht selbst haben, sollte es ein Impuls der ErzieherIn sein. Diese sitzt dann mit Block und Kamera und beobachtet aufmerksam, was sie sieht und hört und dokumentiert die Prozesse. Da kommt Freude auf!

Ich möchte mit einer weiteren Geschichte aus meiner Praxis schließen: Meine Kollegin vertrat überzeugt die Schablonenarbeit und ich wollte ihr gerne zeigen, wie es anders gehen kann. Sie war der Meinung, daß einige der 4jährigen Kinder nicht ausschneiden könnten. Es war Herbst und mein Thema hieß Apfel. Wir pflückten sie, aßen sie und schauten das Apfelstillleben in der Obstschale an. Über mehrere Tage beschäftigen wir uns mit Äpfeln und eines Tages lagen wieder aufgeschnittene Äpfel auf dem Tisch und ich lud die Kinder ein, sie zu tuschen: Auf kräftiger grauer Pappe einen durchgeschnittenen Apfel zu malen, mit Stiel, Blüte, Kerngehäuse, Schale und Fruchtfleisch – eben allem, was sie wahrgenommen haben. Sie schauten und malten, schauten und malten, so wie wenn Erwachsene beim Aktzeichnen sitzen. Wunderschöne Äpfel entstanden. Nachdem sie getrocknet waren schnitten die Kinder sie am nächsten Tag aus. Sie waren stolz auf ihre Werke, erkannten sie wieder und schnitten sie sehr sorgfältig aus. Da fiel kein Stiel ab und auch die Blüte war eine Herausforderung, die sie alle meisterten, auch die Kinder, von denen meine Kollegin annahm, sie könnten nicht richtig schneiden. Anschließend tuschten sie die Rückseite, so wie der Apfel mit Schale aussieht  - und sie hatten alle Farben zur Verfügung. Mir war es ein Vergnügen zu sehen, wie vertieft die Kinder in der Auseinandersetzung waren und daß sie viel mehr über Äpfel erfahren haben, als es mit einer dekorativen Schablone möglich gewesen wäre.

Dieses und viele weitere Beispiele in meiner Berufstätigkeit haben mich in meiner kritischen Haltung gegenüber Schablonen bestärkt. Auch später als Leitung habe ich mein Team in der Auseinandersetzung mit offener Arbeit dazu ermutigt, Schablonen als Auslaufmodell zu betrachten. Die Atelierfachfrau konzentrierte sich darauf den Kindern Techniken zu zeigen und sie dann ausprobieren zu lassen. So erfuhren die Kinder viel über Materialeigenschaften. Gemeinsam durchforsteten wir damals kritisch den riesigen Fundus an Bastelbüchern und warfen drei Viertel davon sofort in den Container. Die übrigen eigneten sich als Anregungen, und die Schablonenarbeit wurde immer weniger.

Nun in der Remida, gut 30(!) Jahre nach meinen ersten Erfahrungen ohne Schablonen, erschrecke ich darüber, wie präsent sie in vielen Einrichtungen sind. Etliche PädagogInnen berichten mir, sie würden gerade wieder eine Renaissance erleben. Immer geht es um den schnellen Erfolg des fertig seins und die gute „Evaluation“, daß das Kind ausschneiden kann.

Ich frage mich dann, ob ich es noch erleben werde, daß die Schablonenarbeit ausstirbt. Vermutlich nicht – aber ich arbeite dran. Denn die Dinge aus der Remida – das kreative Recycling Centro funktionieren nicht für Schablonenarbeit und Reggiopädagogik steht auch für ästhetische Bildung.

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