Offene Arbeit

2016-08-30 15:46
von Susanne Günsch

die Erfolgsgeschichte von Martin

In Kindergärten und Kitas ist der Begriff sehr polarisierend und wird kontrovers diskutiert und da wo Offene Arbeit umgesetzt wird ist das Erscheinungsbild sehr vielfältig. Immer wieder macht der Begriff „halboffen“ die Runde. Häufig liegt dem das Verständnis von Offener Arbeit als offene Türen zugrunde. Auch erweckt halboffen den Eindruck, daß man sich für ganz offen nicht traut. „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ war ein Spontispruch in den 80er Jahren.
Die Befürchtungen sind Bindungslosigkeit, Chaos und Beliebigkeit und daß jeder macht, was er will.
Offene Arbeit  ist jedoch viel umfassender und ich möchte allen Mut machen, sich mit dem Konzept auseinander zu setzten, weil es so freudvoll ist. Offene Arbeit ist ein Paradigmenwechsel hin zu einem anderen Bild vom Kind, zu einem anderen Lernverständnis. Es geht um den Wandel vom Ändern-wollen zur Ethik des Verstehens. Das Kind ist Akteur seiner Entwicklung.  
Offen meint zunächst die persönliche Offenheit für etwas Neues, Anderes, dafür alle Ressourcen einer Kita allen zu Verfügung zu stellen. Offenheit für die Bedürfnisse der Kinder, jedes Kind zur Rose zu machen. Die Kinder können mit allen zusammen spielen, die Erwachsenen arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen zusammen, die Räume und Materialien stehen allen zur Verfügung.  So ist maximales Kennenlernen und voneinander und miteinander lernen möglich.
In „Offener Kindergarten konkret“ haben Gerhard Regel und Axel Wieland zur Offenheit einige Fragen formuliert. Die Wesentlichsten hinsichtlich Kindern, KollegInnen und Eltern lauten:
Bin ich offen für die Kinder, so wie sie mir und den anderen entgegenkommen, offen für Besonderheiten ihrer Lebensgeschichte und Lebenssituation? Bin ich zu einer bedürfnisorientierten Pädagogik bereit und will ich besondere Entwicklungsbedürfnisse bei einzelnen Kindern berücksichtigen und angemessen unterstützend und fördernd tätig werden?
Bin ich bereit, offen auf meine KollegInnen zuzugehen, Unterschiede wahrzunehmen und zuzulassen, mit ihnen zu einer kooperativen Arbeitsgruppe zusammen zu wachsen? Was bin ich bereit zu geben?
Bin ich offen für andere Meinungen und Absichten der Eltern, offen für Auseinandersetzung und Verständigung, und für die Ängste, daß Kinder nicht genug lernen könnten, wenn dem Spiel Priorität eingeräumt wird?
Ich möchte die Geschichte von Martin erzaählen, die deutlich macht, was Freudvolles passiert, wenn man offen arbeitet: Martin, ein 4jähriger Junge, kommt neu in die Kita. Schnell zeigt sich, daß er ein sehr energischer Junge ist und es im schwer fällt, im Spiel mit anderen Rücksicht zu nehmen. Ja, auch jähzornige Anfälle gab es. Das alles brachte die Erzieherinnen an ihre Grenzen. Sie mahnten bei der Leitung Unterstützung an und waren der Meinung, daß auch die Eltern dringend Beratung bräuchten. Sehr konsequent blieben wir jedoch bei der Fragestellung: „Was können wir hier in der Kita tun, damit Martin sich wohlfühlt?“ Wie können wir Martin zur Rose machen? Es war neu, nun ein Verständnis für seine Bedürfnisse zu entwickeln anstatt ihn ändern zu wollen. Martin lernte mit der Zeit, daß in einer Gemeinschaft alle miteinander auskommen müssen, alle Kinder lernten, daß jedes von ihnen so akzeptiert ist, wie es ist. Die Erwachsenen lernten sich näher kennen und setzten sich so mit ihren unterschiedlichen Positionen auseinander.
Die Erzieherin mit Leidenschaft für’s Atelier fand eine besondere Sprache mit Martin: Er drückte sich in Bildern aus, sie war aufmerksam. Nach 2 Jahren entließen wir Martin in die Schule: Wir hatten ihn wachsen sehen und werden ihn vermissen.Nach etlichen Jahren weiterer fruchtbarer Auseinandersetzung mit dem Handlungsforschungsprinzip und veränderten Besprechungen im Team in dem jede/r sich weiter entwickelte und auch die Eltern über eine umfangreiche Arbeit beteiligt wurden sagten die ErzieherInnen: „Und wir kriegen sie alle!“ „Wir können uns gar nichts Anderes mehr vorstellen.

In Teamfortbildungen habe ich oft die Frage gestellt: „Wann sind Sie glücklich und zufrieden?“ Die antworten waren meistens: „Wenn ich machen kann, was ich will.“

Offene Arbeit ist ein Prozess der Selbsterkenntnis.

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